Oliver Kahn: Ein Titan, nicht nur für die Bayern

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Oliver Kahn: Ein Titan, nicht nur für die Bayern

Stars (1 / 1) 28.12.2020 16:57 / Torben Symbolbild imago images / Sven Simon


Eine wundersame Wandlung

Er hat es geschafft: Oliver Kahn (50) wird Chef des FC Bayern München. Wie der deutsche Rekordmeister am Freitag bekannt gab, wird der frühere Kapitän zum 1. Januar 2020 in den Vorstand der FC Bayern München AG berufen. Kahn unterschrieb einen Fünf-Jahres-Vertrag. Am 31. Dezember 2021 übernimmt er vom noch amtierenden Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge (63) dessen Amt als Klub-Boss.

Damit ist der Generationswechsel bei den Bayern nicht nur eingeläutet, sondern wird unumkehrbar vollzogen. Mit Oliver Kahn bekommt der Verein eine neue Führungsfigur, die einen erstaunlichen Wandel vom äußerst erfolgreichen - aber auch äußerst eigenwilligen - Fußball-Profi hin zum seriösen und smarten Geschäftsmann hinlegte. Oder hätte ihm irgendjemand zu aktiver Zeit die Kunst der leisen, intelligenten Zwischentöne zugetraut, die er mittlerweile blind beherrscht?

Seine sportlichen Erfolge sind legendär

Der gebürtige Karlsruher, Sohn eines in Lettland geborenen Deutsch-Balten, hat eine imposante aktive Laufbahn als Torhüter (128 Spiele für den KSC, 429 für Bayern München, 86 Länderspiele für Deutschland) auf den Rasen gebracht. Seine sportlichen Erfolge sind legendär: achtmal Deutscher Meister, sechsmal Deutscher Pokalsieger, UEFA-Pokalsieger, Champions-League-Sieger, Europameister, Vize-Weltmeister. Er wurde drei Mal Welttorhüter, vier Mal Europas Torhüter des Jahres, zwei Mal Deutschlands Fußballer des Jahres. Eine unfassbare Karriere.

Seinen Spitznamen zu aktiven Zeiten - der Titan - hat er aber nicht seinem Talent zu verdanken, sondern vor allem seinem unbeugsamen Willen und seiner eisernen Disziplin. Manche Gegenspieler und sogar eigene Kollegen haben diese bisweilen störrische, verbissene Siegermentalität mehr gefürchtet als geliebt. Oliver Kahn war als Spieler ein Besessener, einer der dem Erfolg alles untergeordnet hat. Sympathiepunkte wollte Kahn nie gewinnen, nur Trophäen. Er wollte der beste Torhüter der Welt sein und schaffte dies. Doch ohne Opfer ging das wohl nicht: Man glaubte, Schrammen in seinem Charakter sehen zu können.

"Eier, wir brauchen Eier!"

Diese Verbissenheit explodierte hin und wieder, vor allem auf dem Platz, vor einem Millionen-Publikum. Dieser Ausbrüche brachten ihm viel Häme ein. Da steht ein Irrer bei den Bayern im Tor, dachten viele. Und Kahn fütterte diese Meinung immer wieder: Beim Spiel gegen Borussia Dortmund im April 1999 wollte er seinem Gegenspieler Heiko Herrlich in den Hals beißen. Im selben Match versuchte Kahn wie von Sinnen mit dem gestreckten Bein in den damaligen Dortmund-Star Stéphane Chapuisat hineinzuspringen.

Gegen Bayer Leverkusen - einige wenige Jahre später - packte er den gegnerischen Stürmer Thomas Brdaric im Nacken und schüttelte ihn heftig durch. Legendär wurde auch sein Wutausbruch gegenüber seinem eigenen Mitspieler Andreas Herzog, der anschließend seinen Torwart nur ungläubig ansehen konnte. Kahn hatte sich oft nicht im Griff, wurde aber auch in jedem gegnerischen Stadion aufs Übelste beschimpft und regelmäßig mit Bananen beworfen. Seine Nerven waren sichtbar für jeden schier unmenschlich gespannt. Und von Zeit zu Zeit rissen sie. Mitten im Scheinwerferlicht.

Aber er wurde auch geliebt, nicht nur wegen seines überragenden Torwartspiels, sondern weil er sich nicht abgehoben präsentierte. Das wohl bekannteste Beispiel: Nach einer 0:2 Niederlage auf Schalke sagte Kahn auf die Frage eines Reporters, was den Bayern gefehlt habe, nur ein Wort: "Eier!" Als der Journalist nachhakte, "habe ich Sie richtig verstanden?", antwortete der Titan: "Ich sag' ja: 'Eier, wir brauchen Eier!'" Auch sein Jubelausbruch nach dem überraschenden Titelgewinn der deutschen Meisterschaft 2001 im Hamburger Volksparkstadion in aller letzten Minute brachte ihm jede Menge Sympathien ein.

Der Wendepunkt: Die WM 2006

Endgültig in das Herz von vielen deutschen Fußball-Fans, die keine Bayern-Unterstützer sind, katapultierte sich Kahn aber im Herbst seiner Karriere im Trikot der Nationalmannschaft. Nach einer durchwachsenen Saison 2005/06 setzte der damalige Trainer Jürgen Klinsmann verständlicherweise Oliver Kahn auf die Bank und erklärte dessen ewigen Rivalen Jens Lehmann zum Torhüter Nummer eins bei der WM im eigenen Land.