Zum Tod von Ferdinand Piëch: Ein undurchsichtiger Patriarch

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Zum Tod von Ferdinand Piëch: Ein undurchsichtiger Patriarch

Stars (1 / 1) 28.12.2020 16:55 / Günter Symbolbild imago images / Sven Simon


Er starb im Alter von 82 Jahren

Der Auto-Gott ist tot. Weil aber Götter eigentlich nicht sterben können, hallt es bei der Nachricht vom Tod Ferdinand Piëchs (1937-2019) gewaltig nach: Dämon, Machtmensch, einsamer Wolf, Autokrat, Genie. Umschreibungen eines Wirtschaftslenkers, dem es bei Lebzeiten durchaus gefallen hat, eher gefürchtet als geliebt zu werden.

Mehr Benzin als Blut in den Adern?

Ferdinand Piëch hat von 1993 bis 2015 den Weltkonzern Volkswagen AG geleitet, erst als Vorstandsvorsitzender, dann als Chef des Aufsichtsrates. Der hagere, asketisch wirkende Österreicher galt als eisenharter Patriarch vom alten Schlag: undurchsichtig, machtbewusst, zornig, rachsüchtig, bisweilen auch grausam. In seiner ruhigen, leicht stockenden und mit österreichischem Akzent Sprache haben Mitarbeiter sogar etwas Dämonisches wahrgenommen. Das ist die eine Seite.

Der bekannte Wirtschaftsjournalist Roland Tichy (63) hat einst sehr treffend auf die andere hingewiesen: "Man muss sagen: Ohne Ferdinand Piëch gäbe es VW längst nicht mehr. Er war eine dieser Ausnahmeerscheinungen, die es im glatten Controller-Kapitalismus nicht mehr geben darf. Größe und eine Portion Niedertracht, Genie bis zum Wahnsinn und Entschlusskraft zeichnen diesen ganz Großen unserer Wirtschaftsgeschichte aus."

Piëch war jedoch nicht nur ein maßgeblicher Automanager. Gern wird seit vielen Jahren darauf verwiesen, dass er allein von seiner Abstammung her mehr Benzin als Blut in den Adern habe. Sein Großvater war Ferdinand Porsche (1875-1951), der geniale Autokonstrukteur, der in den VW-Käfer entwickelt hatte. Und sein Onkel Ferry Porsche (1909-1998), der Bruder seiner Mutter Louise (1904-1999), gründete in Stuttgart die Sportwagen-Firma Porsche.

Ein Einzelgänger

Der Name Piëch stammt vom Vater. Der Wiener Rechtsanwalt Dr. Anton Piëch (1894-1952) hatte 1928 Louise Porsche geheiratet und von 1941 bis 1945 das Volkswagen-Stammwerk seines Schwiegervaters in der "Stadt des KdF-Wagens Fallersleben" (KdF = Kraft durch Freude), dem heutigen Wolfsburg, geleitet. Seine Frau Louise leitete nach dem Krieg die Porsche Holding in Österreich.

Sie war eine technisch sehr interessierte Frau, die ihren Sohn nach dem frühen Tod des Vaters eisenhart erzogen hat. Der "Burli", wie der kleine Ferdinand genannt wurde, ist Legastheniker, sein Lehrer hält ihn für "zu dumm" zum Studieren.

Die Schule ist eine einzige Qual, denn die Mutter hat ihn in ein strenges Schweizer Internat gesteckt: "Ein typisches Abhärtungsinternat", wie er später sagt. Die Schulleitung hat Zuträger in allen Gasthäusern der Umgebung, die genau mitteilen, welcher Zögling zu verbotenen Zeiten bei Bier oder Wein sitzt. Später wird es heißen, Piëch habe auch bei VW ein Informanten-System aufgebaut, das den Chef über alles im Konzern informiert.

Piëch wird zum Einzelgänger. "Weil man sich nicht verlassen kann", sei er zum Alleingang verdammt, hat er einmal gesagt. Schon früh zeichnet sich eine gewisse Rivalität der Familienstämme Piëch und Porsche ab. "Ich bin ein Wildschwein, und ihr seid Hausschweine", soll der Piëch seinen Porsche-Cousins zugerufen haben. Gemeint ist: Ferdinand muss sich alles selbst erarbeiten, während er glaubt, dass den Vettern alles in den Schoß fällt. Er selbst ist vorsichtig im Umgang mit der Verwandtschaft und schreibt später: "Es konnte zu einem Karriereknick führen, wenn ich mal jemanden aus der Familie zu knapp begrüßte."

Steiler Aufstieg

Immerhin: Zum 18. Geburtstag schenkt ihm die beinharte Mama standesgemäß einen Porsche 356. Nach dem Abitur studiert er an der renommierten ETH Zürich, die ihm später einen Ehren-Doktor verleihen wird. Er liebt Autotechnik und die Mutter stachelt ihn an. Sie schenkt dem Studenten zwei halbe Austro-Daimler, schwere Autos aus den 20er-Jahren. Er machte daraus ein himmelblaues Fahrzeug, das heute im Porsche Museum in Stuttgart steht. Nach acht Semestern präsentiert er seine Diplomarbeit: Der Porsche-Enkel konstruiert nicht weniger als einen luftgekühlten Zwölfzylinder-Formel-1-Motor.

Nach dem Studium steigt der junge Mann bei seinem Onkel Ferry Porsche ein. Er macht in der Sportwagen-Schmiede rasch Karriere als Entwicklungschef, dann ab 1971 als Technischer Geschäftsführer.

Der vor Ambition berstende Ingenieur unterstützt die Entwicklung des Porsche 917, "das ultimative Tier unter den Rennwagen", wie er es selbst bezeichnet, ein "nützlicher Irrwitz". Porsche-Werksfahrer sollen sich geweigert haben, den schwer beherrschbaren Renner an die technischen Grenzen zu fahren. 1969 kommt ein Rennfahrer in dem Geschoss bei der ersten Runde im 24-Stunden-Rennen von Le Mans ums Leben. Sein Leben lang ist Ferdinand Piëch stolz auf das Auto "mit den schlechten Manieren".

1972 geht er zu Audi, wird Hauptabteilungsleiter in der technischen Entwicklung, dann Vorstandsmitglied für Technik. Ihm kann keiner etwas vormachen, denn er kann mit eigenen Händen einen komplizierten Motor auseinander- und auch wieder zusammenbauen. 1988 wird Piëch Vorstandsvorsitzender bei Audi. Bedeutende Innovationen wie der Quattro-Allradantrieb und der TDI-Motor gehen auf ihn zurück.