Guido Maria Kretschmer: Sind Französinnen wirklich stilbewusster?

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Guido Maria Kretschmer: Sind Französinnen wirklich stilbewusster?

Stars (2 / 1) 28.12.2020 15:59 / Olga Symbolbild PR Otto


Kretschmer: Es hat ein bisschen etwas mit der Region zu tun. Natürlich ist eine Frau im Durchschnitt in Düsseldorf anders angezogen als in Berlin oder München. In Berlin trägt man aktuell ja zum Beispiel so einen "Anti-Style". Dieses bewusst hässlich machen finde ich manchmal schade, weil da teilweise wirklich schlimme Looks dabei sind. Ich glaube aber, dass es hier sowieso mehr um ein politisches Statement als um einen modischen Moment geht. Hier in Deutschland gibt es sehr viele gut angezogene Leute, aber eben auch immer noch sehr schlecht angezogene. Es ist auf jeden Fall noch viel Arbeit.

Welche Länder haben Sie noch für Ihre aktuellen Kreationen inspiriert?

Kretschmer: Ein bisschen Ungarn, Istanbul und das Orientalische. Paris als Anfangsstation und dann haben wir uns auf die Reise begeben und langsam in den vorderen Osten bewegt. Dieses europäische Gefühl von Vielfalt auf großer Strecke spielt auf jeden Fall auch eine Rolle. In Europa ist es ja so, dass man in den Zug steigt, sechs bis sieben Stunden fährt und in dieser Zeit durch zwei bis drei Länder gereist ist. Das ist auf jeden Fall ein ganz besonderer Einfluss, weil jede Region auch auf ihre eigene Art und Weise inspiriert. So findet sich in der aktuellen Kollektion ein Potpourri aus unterschiedlichen kulturellen Einflüssen, die sich in verschiedenen Designs präsentieren.

Auch Details der Zwanziger und Dreißiger sind in Ihrer Kollektion zu finden, warum faszinieren uns diese Goldenen Zwanziger bis heute?

Kretschmer: Diese Zeit war geprägt von Modernität und Umbruch. Bei uns ist es dann natürlich leider in die falsche Richtung gegangen und hat zum verheerenden Zweiten Weltkrieg geführt. Aber diese Zeit des Maßlosen, vielleicht einfach mal abzudriften von den Konventionen der Kaiserzeit, das hat sicher dazu beigetragen, modern zu sein. Auch durch die technischen Möglichkeiten. Gerade befinden wir uns ja auch wieder in einer Zeit des Umbruchs. Da ist und war Mode natürlich manchmal ein großer Identifikationsmoment und deswegen glaube ich, dass die Styles dieser Zeit auch ein bisschen heile Welt widerspiegeln, sehr feminin und ausgelassen sind. Das ist sicher die Kraft dieses Looks, der so viele fasziniert.

An welchen Trends kommen wir in der kommenden Herbst/Wintersaison nicht vorbei?

Kretschmer: Ganz hoch im Kurs steht die Vielfalt der Kleider. Der "Kleid-Moment" wird neu interpretiert, in neuen Geschichten und neuen Variationen erzählt. Die Trends bringen uns dazu mutiger zu kombinieren, ungewöhnlicher und radikaler zu sein. Die Styles und Proportionen in dieser Saison werden einfach anders - daran kommen wir nicht vorbei. Im Sinne der Bandbreite ist aber viel möglich. Jeder wird da seinen Weg und eigenen Look finden, aber es ist schon auch eine Zeit des Experimentierens, des Auffallens und auch etwas des Rückbesinnens auf einzelne Kleidungsstücke, die genug Raum bekommen.