Papst Johannes Paul II.: Der heilige Superstar

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Papst Johannes Paul II.: Der heilige Superstar

Stars (2 / 1) 18.05.2021 23:33 / Silia Symbolbild imago images/Sammy Minkoff


Das Attentatsopfer

Am 13. Mai 1981 schoss der türkische Rechtsextremist Mehmet Ali Agca auf dem Petersplatz in Rom mit einer Pistole dreimal auf den Papst. Eine Kugel traf ihn lebensgefährlich in den Unterleib und verursachte Verletzungen, unter denen er sein ganzes Leben lang litt. Nach langjährigen Ermittlungen kam ein italienischer Untersuchungsausschuss zu dem Ergebnis, dass das Attentat im Auftrag des Sowjetführers Leonid Breschnew (1906-1982) vom militärischen Geheimdienst GRU in Zusammenarbeit mit dem bulgarischen Geheimdienst verübt worden sei.

Dem Attentäter Ali Agca hat der Papst bereits kurz nach der Tat verziehen. Drei Jahre später besuchte er ihn sogar im Gefängnis und segnete ihn. Nach seiner Freilassung legte Agca 2014 am Grab des Papstes ein Rosengebinde nieder. Ein Jahr nach dem Anschlag besuchte Johannes Paul II. Portugal, um im Wallfahrtsort Fátima der Muttergottes dafür zu danken, dass er die Agca-Schüsse überlebt hatte. Da versuchte der spanische Priester Juan Maria Ferández y Krohn (geb. 1950) ihn mit einem Bajonett zu töten. Johannes Paul II. wurde nur leicht verletzt. Auch diesen Mann hat der Papst am nächsten Tag gesegnet.

Ein Mann der Frauen

Lolek, so sein Spitzname, war bei den Frauen noch beliebter als bei seinen männlichen Anhängern. Bei seinen 104 Auslandsreisen - man nannte ihn deswegen auch den "eiligen Vater" - wurde er von weiblichen Christen besonders euphorisch gefeiert. Sie liebten dieses kantige Gesicht, das so verschmitzt lächeln konnte, und nicht nur katholische Nonnen schwärmten: "Du bist schöner als Jesus Christus".

Es gab immer wieder Gerüchte um Frauen in seinem Leben, zu denen er sich nie geäußert hat. Da wäre die Geschichte von Wanda Póltawska (98), eine verheiratete Psychiaterin aus Lublin, wo der Papst einst eine Professur hatte. 50 Jahre lang pflegten die beiden eine innige Brieffreundschaft. 1962 erkrankte sie an Darmkrebs, Karol Wojtyla bat in einem persönlichen Schreiben den italienischen Pater und Heiler Pio von Pietrelcina (1887-1968) um Fürsprache. Im November 1962 war die Patientin noch vor ihrer OP geheilt, eine medizinische Erklärung dafür gab es nicht. Wanda Póltawska wurde eine seiner engsten Vertrauten und war auch am Sterbebett des Papstes.

Wesentlich geheimnisvoller war die Beziehung zu Anna-Teresa Tymieniecka (1923-2014), eine drei Jahre jüngere amerikanische Philosophin, die in Polen geboren wurde. Karol lernte sie 1973 kennen, als er noch Erzbischof von Krakau war. Da war Anna-Teresa Tymieniecka bereits lange mit dem Harvard-Professor Hendrik Houthakker (1924 -2008), einem Berater der US-Präsidenten Johnson und Nixon, verheiratet und lebte in den USA. Auch sie wurde eine enge Vertraute.

1976 reiste Kardinal Wojtyla in die USA. Er wohnte auch in Tymienieckas Landhaus in Vermont. Kurz nach seiner Abreise schrieb er ihr einen Brief, der 2016 veröffentlicht wurde. Darin heißt es unter anderem: "Du schreibst, dass Du ganz zerrissen bist, und ich habe keine Antwort auf diese Worte. Ich fühle Dich überall, in allen möglichen Situationen, ob Du nah bist oder fern. Ich weiß noch genau, wo ich war, als Du mir sagtest: 'Ich gehöre zu Dir.' Ich hatte Angst vor diesem Geschenk. Aber ich weiß nun, dass ich dieses Geschenk annehmen muss als ein Geschenk des Himmels."

Fast 30 Jahre lang haben sich die beiden geschrieben. Nachträglich kommentierte der Vatikan eine BBC-Dokumentation, da sei "mehr Rauch als Feuer" gewesen. Auch Edward Stourton, der Autor der TV-Doku, sieht die beiden "mehr als Freunde, aber weniger als Liebhaber". Und Anna-Teresa Tymieniecka sagte dem US-Journalisten Carl Bernstein: "Nein, ich habe mich nie in den Kardinal verliebt. Wie hätte ich mich in einen Geistlichen mittleren Alters verlieben können? Außerdem bin ich eine verheiratete Frau."

Der Leidensmann

Sein letztes Lebensjahrzehnt war auch durch Krankheiten geprägt. 1992 hatte Johannes Paul II. eine Darm-Operation, bei der ihm ein gutartiger Tumor entfernt wurde. Zwei Jahre später stürzte er in seinem Badezimmer und brach sich den Oberschenkel. Bei der anschließenden OP bekam er ein künstliches Hüftgelenk. Zudem litt er nach wie vor an den Folgen des Attentats von 1981. Äußerlich sichtbar wurde dieser Leidensweg durch die Auswirkungen einer Parkinson-Erkrankung, die sein straffes Äußeres dramatisch veränderte. Er konnte kaum noch gehen und zum Schluss durch eine Kehlkopfentzündung kaum mehr reden. Dennoch erfüllte er eisern seine Pflicht.

Am Ostersonntag 2005 erschien er gebeugt am Fenster seines Arbeitszimmers und spendete Tausenden meist weinenden Gläubigen, die sich auf dem Petersplatz versammelt hatten, seinen letzten Ostersegen. Er starb am 2. April um 19:37 Uhr. Kurz bevor er ins Koma gefallen war, sagte er auf Polnisch seine letzten Sätze: "Der Welt fehlt es an Weisheit." Und: "Lasst mich ins Haus des Vaters gehen!" Zu seiner Beisetzung pilgerten über 3,5 Millionen Gläubige nach Rom.

Der Heilige

Er wurde nach nur sechs Jahren am 1. Mai 2011 seliggesprochen. Sein deutscher Nachfolger, der heute emeritierte Benedikt XVI. (93), hatte dem Dekret der Seligsprechung zugestimmt, weil Johannes Paul II. die angebliche Heilung einer französischen Ordensschwester, die an Parkinson erkrankt war, zugesprochen wurde.

Nur drei Jahre später erfolgte die Heiligsprechung. Der Vatikan hatte auch das zweite erforderliche Wunder anerkannt und die Genesung einer Frau aus Costa Rica ebenfalls dem verstorbenen polnischen Papst zuerkannt. Floribeth Mora Diaz wurde am Tag der Seligsprechung von Johannes Paul II. von einem Gehirn-Aneurysma geheilt. An der Zeremonie der Heiligsprechung, diesmal durch Papst Franziskus, nahmen über eine Million Gläubige auf dem Petersplatz teil. Sein Gedenktag ist der 22. Oktober.

In Bratislava (Slowakei) wurde 2016 das erste Musical über Johannes Paul II. aufgeführt. Der profane Titel: "Beruf Papst". In Krakau kam 2017 das Musical "Karol" auf die Bühne, mit dem polnischen Papst als Superstar. Die Heimatkirche "Zur lieben Frau von Jerusalem" in Wadowice, dem Geburtsstädtchen von Karol Wojtyla, ist zu einem Wallfahrtsort geworden. Und in Tschenstochau (Polen) ragt nun ein 14 Meter hoher Papst Johannes Paul II. aus Fiberglas empor, zehn Tonnen schwer. Er lächelt mild und breitet die Arme aus. Er heißt die Menschen willkommen. Im Himmel und auf Erden.