Papst Johannes Paul II.: Der heilige Superstar

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Papst Johannes Paul II.: Der heilige Superstar

Stars (1 / 1) 18.05.2021 23:33 / Silia Symbolbild imago images/Sammy Minkoff


Er wäre 100 Jahre alt geworden

Er war ohne Zweifel ein Star, vielleicht sogar der größte seiner Zeit. Das hört sich nach einem Sakrileg an, und in der Tat klingt kaum ein Begriff so unpassend, ja entweihend für einen Mann, der sich als Stellvertreter Christi auf Erden verstand und das Oberhaupt sowie die höchste moralische Instanz für über 1,3 Milliarden katholische Christen verkörperte. Aber es war nun mal so, dass der polnische Papst Johannes Paul II. (1920-2005) seinem Amt einen schillernden, fast mystischen Glanz verliehen hat, der nicht nur viele Millionen von Gläubigen verzauberte und weltweit fast alle anderen großen Persönlichkeiten überstrahlte.

Die katholische Weltgemeinde feiert

Am 18. Mai begeht die katholische Weltgemeinde den 100. Geburtstag von Johannes Paul II., der 1920 als Karol Józef Wojtyla im südpolnischen Wadowice geboren wurde. An diesem Montag feierte der heutige Papst Franziskus (83) an dem Seitenaltar des Petersdoms, wo sich der Sarkophag Johannes Pauls II. befindet, eine Frühmesse. Der Gottesdienst wurde live von Radio Vatikan und im Internet übertragen. Die polnischen Bischöfe würdigen den 100. Geburtstag und das Leben ihres berühmten Kollegen zudem mit der Initiative #ThankYouJohnPaul2, einem virtuellen "Geburtstagskuchen" in den sozialen Medien.

"Seine menschliche Wärme und seine Leidensfähigkeit taten es den Menschen an. Werte, die in einer schnelllebigen Welt des Erfolgshungers nicht viel zählen, machten ihn zum Idol, vor allem auch bei jungen Gläubigen. Insofern kam er dem biblischen Anspruch an Petrus nahe, der Fels zu sein, auf dem die Kirche gründet", schrieb der "Wir".

Dabei war Johannes Paul II. durchaus ein kantiger Typ. Doch wie ein Popstar konnte er verschiedene Persönlichkeitsfacetten zu einem weithin leuchtenden, charakterlichen Kaleidoskop vereinen, das die Welt faszinierte.

Der Dichter und Philosoph

Der junge Wojtyla studierte zunächst in Krakau Philosophie und Polnische Literatur. Außerdem liebte er das Theater. Schon als Schüler wirkte er bei Theateraufführungen mit, später gehörte er zur experimentellen Theatergruppe "Studio 39". Er schrieb Gedichte, die später die italienische Schauspielerin Claudia Cardinale (82) las, und unter dem Pseudonym Andrzej Jawien die Dramen "Jeremiasz" (Jeremia) und "Im Laden des Gold-Schmieds".

Der promovierte Philosoph und Theologe lehrte ab 1953 in Krakau als Professor für Moraltheologie und ab 1954 an der katholischen Universität Lublin Philosophie und Sozialethik. Er war längst Priester, als sein Bühnenstück "Der Bruder unseres Gottes" die polnische Uraufführung hatte. Und 1969 erschien sein philosophisches Hauptwerk "Person und Tat". Da war Karol Wojtyla bereits Erzbischof von Krakau.

Der Sportler

Bereits als Schüler war er begeisterter Fußballer. Er kickte in einer Schulmannschaft, die oft gegen das jüdische Team antrat, wobei Karol auch gern als Torwart bei der jüdischen Mannschaft einsprang, wenn diese nicht genügend Spieler hatte.

Der Priester Wojtyla war leidenschaftlicher Skifahrer, der auch Wassersport liebte und sogar als Papst auf den Masurischen Seen paddelte und in den Beskiden seiner Heimat Polen zum Klettern ging - oder "in seiner weißen Soutane die Hänge der Marmolata in den Dolomiten hinunter wedeln konnte", wie es der "Wir" einmal beschrieb.

Das sportliche Kirchenoberhaupt habe sich zunächst sehr schwer getan mit den Einschränkungen seines Amtes, so schildert es Kardinal Stanislaw Dziwisz (81) in seinem Buch "Ein Leben mit Karol". Dziwisz war der polnische Privatsekretär und einer der engsten Vertrauten von Johannes Paul II. Er schreibt, dass der Papst zunächst heimlich mit drei Prälaten ausgebüxt sei. Zum ersten Mal hätten sich die Vier zwei Jahre nach der Papstwahl von 1978 aus der Sommerresidenz Castel Gandolfo davongemacht. Um nicht die Aufmerksamkeit der Schweizer Garde zu erregen, benutzte das geistliche Quartett das Auto von Jozef Kowalczyk, dem heutigen päpstlichen Nuntius in Polen. Der Papst versteckte sich hinter einer ausgebreiteten Zeitung.

Ziel dieser ersten Tour war das Skigebiet von Ovindoli in den Abruzzen. Der Heilige Vater trug keine weiße Soutane, sondern eine Sonnenbrille und normale Skikleidung. Niemand hatte Johannes Paul II. erkannt - bis auf einen etwa zehn Jahre alten Jungen. Der brüllte sofort los: "Der Papst, der Papst!" Einer der Prälaten schickte das Kind geistesgegenwärtig zu seinen kleinen Freunden zurück, und die Papst-Truppe trat den Heimweg an. Nach der Rückkehr rief Johannes Paul II. strahlend aus: "Wir haben es getan!" Insgesamt habe man über 100 heimliche Sportausflüge unternommen, schreibt Dziwisz. Jedes Mal wurden der Vatikan und die Journalisten ausgetrickst. Auf späteren Touren seien lediglich einige eingeweihte Polizisten mitgekommen.

Der Politiker

Er war ein charismatischer Mann, der sich in den 26 Jahren seines Pontifikats immer wortgewaltig in die Weltpolitik eingemischt hat. Innerkirchlich war er sicher kein Reformer, sondern ein konservativer Bewahrer, der strikt am Zölibat und der Sexualmoral der katholischen Kirche festhielt. Kritiker bemängeln auch seinen Umgang mit den Missbrauchsskandalen in der Kirche. Dazu sagte der Wiener Kardinal Christoph Schönborn in einem Interview der Kirchenzeitung "Der Sonntag": "Er war mit dem Thema 'Missbrauch' irgendwie überfordert... Ich glaube, er war ein so lauterer Mensch, dass er sich das nicht vorstellen konnte."

Doch er hat auch historische Maßstäbe gesetzt. Johannes Paul II. prangerte die Verfehlungen in der 200-jährigen Geschichte seiner Kirche an, die Inquisition, die Glaubenskriege. Er öffnete sich dem Islam, traf den Palästinenserführer Jassir Arafat (1929-2004) sowie den iranischen Präsidenten Mohammed Chatami (76). Und er bat um Vergebung für die Judenverfolgungen im Namen der Kirche. Bei einem Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Jad Waschem in Jerusalem sagte er: "Als Bischof von Rom und Nachfolger des Apostels Petrus versichere ich dem jüdischen Volk, dass die katholische Kirche tiefste Trauer empfindet über den Hass, die Verfolgung und alle antisemitischen Akte, die jemals irgendwo gegen Juden von Christen verübt wurden."

In die Weltgeschichte wird Johannes Paul II. eingehen als der Mann, der wesentlich zur Erosion des kommunistischen Ostblocks beitrug. "Alles, was in den letzten Jahren in Osteuropa geschehen ist, wäre ohne diesen Papst nicht möglich gewesen", schreibt Michail Gorbatschow (89), der letzte Generalsekretär der sich 1991 auflösenden Sowjetunion, in seinen Memoiren.

Andererseits geißelte dieser politisch so unbeugsame Kirchenmann den puren Kapitalismus, die Profitmaximierung und die von den westlichen Industrieländern "dominierten und manipulierten" Finanz- und Wirtschaftssysteme ebenso wie die expansive Außenpolitik der USA. Dem US-Präsident George W. Bush (73) versagte er 2002 seinen Segen für einen Feldzug in den Irak.