Schauspielerisch ist weder Brolin noch del Toro etwas vorzuwerfen. Vor allem Letzterer verleiht seiner Figur in der Interaktion mit dem gekidnappten Mädchen (grandios von der damals erst 17-jährigen Isabela Moner verkörpert) eine tragische Tiefe. Und dennoch mutet Alejandro über die Gesamtheit des Films wie ein Racheengel an, der selbst weiß, dass der Weg zur Läuterung für ihn nicht mehr begehbar ist.
"Sicario 2" fehlt ein Charakter wie Kate Macer, im ersten Teil von Emily Blunt dargestellt. Sie repräsentierte darin das Gewissen, die Rechtschaffenheit, den Willen, für ihre Ziele nicht über die Leichen Unschuldiger zu gehen. Ohne diesen moralischen Anker kann "Sicario 2" für viele Zuschauer zu deprimierend und düster sein.
Auf Wiedersehen, Fingernägel!Erneut keinerlei Mangel gibt es an nervenaufreibenden Sequenzen. Wie schon Villeneuve in Teil eins, weiß nun auch Sollima, die Kinogänger mit einer Mischung aus Action und Thriller-Suspense tief in die Sitze zu pressen. Bei einigen Szenen, etwa einem Hinterhalt mitten im Nirgendwo oder wenn Alejandro versucht, unbemerkt über die Grenze zu kommen, steigt der Puls und die Anzahl intakter Fingernägeln sinkt. Überhaupt ist die Action in "Sicario 2" ein Sinnbild für den gesamten Film: brachial, düster und frei von jedweder Glorifizierung.
Fazit:"Unterhaltsam" ist das falsche Wort, "sehenswert" trifft es bei "Sicario 2" besser - wie schon bei seinem Vorgänger. Für die Sicherheit des eigenen Landes zu sorgen, ist hier nicht als ehrenvolle Aufgabe dargestellt, sondern als eine, die zuweilen zu nicht minder verwerflichen Methoden wie auf der Gegenseite führt. Einen strahlenden Helden sucht man dementsprechend vergebens, Antiheld Alejandro als Sympathieträger funktioniert gerade mit Hinblick auf seine Taten im ersten Teil nur bedingt. Wer bereits die beklemmende Stimmung von "Sicario" mochte, sollte heute Nacht (10. Mai) unbedingt einschalten.