Boris Pistorius hat vor einem potenziellen Krieg zwischen Russland und einem NATO-Land gewarnt, und er steht damit nicht allein. Immer mehr Experten schlagen Alarm - und das immer dramatischer! "Wir haben keine Zeit mehr!" - Doch was steckt hinter diesen Warnungen?
Thomas Jäger: Die Hauptzielgruppe dieser Warnungen ist der Bundeskanzler. Dieser hat offenbar noch nicht erkannt, dass die eigene Stärke dazu beiträgt, die Wahrscheinlichkeit eines Krieges zu verringern. Je mehr die Bundeswehr in die Lage versetzt wird, wirklich abschreckend zu wirken, desto geringer wird die Wahrscheinlichkeit eines Krieges. Es kursierten zuletzt verschiedene Zeiträume, in denen ein russischer Angriff auf ein NATO-Land als wahrscheinlich betrachtet wurde: Zwei Jahre, fünf Jahre, 20 Jahre. Diese genannten Zeiträume sind im Grunde genommen Unsinn. Das liegt daran, dass es viele unterschiedliche Formen eines Angriffs geben kann. Dazu gehören Desinformationskampagnen, politische Erpressung und der Versuch, Druck auf Staaten auszuüben, die dann militärisch nicht angemessen reagieren können!
Heißt das, dass Russland bereits jetzt Europa angreift? Ja, das ist offensichtlich der Fall. In dem Konflikt, den Putin führt, ist die Ukraine lediglich ein Mosaikstein. Das Land will er besetzen. Aber die Destabilisierung der Europäischen Union und ihrer Mitgliedsstaaten ist bereits im Gange. Ist der Vorstoß von Boris Pistorius also in erster Linie ein innenpolitisches Signal? Ja, denn nach außen wird er nicht direkt sagen: "Leute, wir müssen viel mehr tun." Diese Botschaft richtet sich vielmehr nach innen, insbesondere an diejenigen in seiner eigenen Partei, die immer noch glauben, dass die eigene militärische Schwäche einen Krieg verhindert. Das kann nur erklärt werden, indem sich diese Personen noch nie ernsthaft mit der Frage auseinandergesetzt haben. Eine kriegsfähige Armee wirkt abschreckend auf die Gegenseite.