So stehen Benedikt XVI. und Franziskus wirklich zueinander

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So stehen Benedikt XVI. und Franziskus wirklich zueinander

Stars (1 / 1) 04.05.2021 23:33 / Angela Symbolbild imago images/Independent Photo Agency Int.


Peter Seewald im Interview

Benedikt XVI. feierte im April seinen 93. Geburtstag. Wie der emeritierte Papst heute lebt, wie es ihm gesundheitlich geht und wie sein Verhältnis zu Papst Franziskus (83) wirklich ist, erklärt Peter Seewald (65) im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news. Der Autor und Journalist hat "eine Jahrhundertbiografie", "Benedikt XVI.: Ein Leben" (Droemer HC), verfasst, die nun erschienen ist.

Benedikt XVI. ist gerade 93 Jahre alt geworden. Wie lebt der emeritierte Papst heute?

Peter Seewald: Extrem zurückgezogen im Haus "Mater Ecclesiae", einem winzigen Kloster in den Vatikanischen Gärten, das von Johannes Paul II. eingerichtet wurde. Zur Hausgemeinschaft gehören neben dem Emeritus sein Sekretär Erzbischof Gänswein und vier Laienschwestern. Es ist sehr ruhig, sehr romantisch da, mit einem wunderbaren Blick auf Rom. Er braucht den Rollstuhl und verlässt das Haus nur, um kurz frische Luft zu schnappen oder am Fatima-Heiligtum den Rosenkranz zu beten. Ansonsten liest er viel, und als notorischer Schriftsteller setzt er sich noch immer an den Schreibtisch, auch wenn es nur um die Predigten für den Sonntag geht, die er für seine Mitbewohner ausarbeitet.

Wie wird Benedikt XVI. vor dem Coronavirus geschützt und was ist über seinen Gesundheitszustand bekannt?

Seewald: Seit dem Ausbruch der Pandemie hält man sich in "Mater Ecclesiae" an die Vorschriften. Das hieß für die erste Zeit: niemand geht hinaus, niemand kommt herein. Noch immer werden keine Besucher empfangen, mit Ausnahme von Papst Franziskus. Man hat den Eindruck, dass Benedikt die neue Freiheit von Besuchern, die ja für gewöhnlich noch immer sehr zahlreich anklopfen, fast ein wenig genießt, weil er nun ganz nach Innen gehen kann. Körperlich ist er inzwischen sehr gebrechlich. Seine Stimme ist so schwach geworden, dass man ihn kaum noch versteht. Geistig ist er noch immer hellwach. Er führt nach wie vor eine gewaltige Korrespondenz, und seine Briefe sind wie eh und je geistvoll und geschliffen formuliert.

Wie ist der Rücktritt Benedikts aus heutiger Sicht zu bewerten, wie hat er das Amt damit verändert?

Seewald: Ratzinger hatte schon immer den Mut, auch Dinge zu tun, die vor ihm noch niemand getan hatte. Bereits in unserem Buch "Licht der Welt" sagte er 2010, ein Papst, der sein Amt körperlich und seelisch nicht mehr ausfüllen kann, hat nicht nur das Recht, sondern mitunter auch die Pflicht, zurückzutreten. Er wusste, was er da lostritt und hat diesen Schritt in vielen Monaten durchdacht und durchlitten. Der Akt hat dem Amt nichts genommen, wie man heute sieht, im Gegenteil. Die katholische Kirche ist heute so groß und so verbreitet wie niemals zuvor. Die Anforderungen an den obersten Hirten haben sich extrem verändert. Ratzinger hat den Weg frei gemacht für eine frische Kraft. Und man kann ihm glauben, wenn er sagt, er befindet sich damit im Reinen, gerade auch mit seinem Herrn, dem alleine gegenüber er letztlich verantwortlich ist.

"Krieg der Päpste" titelten Zeitungen unlängst. Sie nennen den angeblichen Streit ums Zölibat in Ihrem Buch "eine Zeitungsente".

Seewald: Die Aufregung um das Werk von Kardinal Sarah war ein Stück wie aus dem Tollhaus. Ursprünglich sollte der Beitrag erst nach dem Tod Papst Benedikts veröffentlicht werden. Kardinal Sarah hat davon erfahren und den Emeritus gedrängt, seinen Text freizugeben. Der wusste aber weder, dass er auf dem Buchtitel genannt werden sollte, noch von dem Vor- und Nachwort, das mit seiner Unterschrift geschmückt wurde. Bevor nun die Kritiker das Buch überhaupt lesen konnten, waren sie sich darüber einig, Benedikt XVI. würde als Schattenpapst seinem Nachfolger in der Frage des Zölibats dazwischen grätschen. Dabei ging es in dem kleinen Aufsatz gar nicht um den Zölibat, sondern um das Wesen des katholischen Priestertums. Und zum Zweiten: Es gibt da überhaupt keine Unstimmigkeit zwischen Benedikt und Franziskus.

Warum kommt es immer wieder zu solchen Irritationen?

Seewald: Für viele war die verunglückte Buchveröffentlichung eine willkommene Gelegenheit, eine neue Attacke zu reiten. Noch immer wird ja auch die Mär vom "Panzerkardinal" gepflegt, den es in Wirklichkeit nie gab. Ratzinger ist weder ein Mann von gestern, noch ist er ein Wendehals, der seine Richtung geändert hat. Seine Theologie war sehr früh fertig und zeigte eine beeindruckende Kontinuität, von gewissen Modellierungen abgesehen. Er hat mit den Modernitätsschub durch das Zweite Vatikanische Konzil bewirkt. Klar, er hat nicht alles richtig gemacht. Er hat aber auch nicht alles falsch gemacht. Man spricht von ihm als dem Kirchenlehrer der Moderne. Mit seinen Millionenauflagen ist er vermutlich der meistgelesene Theologe der Neuzeit. Als Pontifex hat er nicht nur das Papsttum revolutioniert, sondern nicht zuletzt mit seiner Jesus-Trilogie, die noch kein Papst vor ihm gewagt hatte, Grundlagen für die Revitalisierung des Glaubens gelegt.

Wie steht es um das Verhältnis zwischen Benedikt XVI. und Papst Franziskus?