Weit mehr besorgt um die deutsche Wirtschaft scheint der schwedische Epidemiologe Johan Giesecke (70), der als Regierungsberater in Schweden tätig ist. Bei einem Gespräch mit der "Bild"-Zeitung erklärt der Experte, wie er die in Deutschland beschlossen Maßnahmen beurteilt. Der Professor ist sich sicher, dass man die Ausbreitung des Virus allein durch das Einhalten der Hygienemaßnahmen und der sozialen Distanzierung erreichen können, wie dies in Schweden gerade geschieht. Im Vergleich zu Schweden, wo es keinen Lockdown gibt, kommt Giesecke für Deutschland zu einem schlimmen Fazit: "Der Unterschied ist, dass Deutschland gerade seine Wirtschaft zerstört." Den von Angela Merkel und den Ministerpräsidenten der Bundesländern eingeschlagenen Weg bezeichnete der schwedische Epidemiologe als "nicht nachhaltig".
Der schwedische Professor ist sich sicher, dass es zur Einhaltung der Regeln in der Corona-Krise "keine Gesetze und keine Polizei" braucht, die die Einhaltung der Regeln überwacht. "Die Menschen sind nicht dumm", schiebt Giesecke hinterher. Allerdings wird das schwedische Modell auch im eigenen Land von Medizinern und Wissenschaftlern kritisiert. Bisher sind in Schweden mehr als 1.700 Menschan an den Folgen einer Infektion mit dem Coronavirus gestorben. In vielen skandinavischen Nachbarländern, die eine ähnliche Strategie wie Deutschland bevorzugen, sind die Anzahl der Todesfälle und auch die Infektionszahlen deutlich niedriger als in Schweden. Schwedens Regierung hat weder die Grenzen noch die Schulen geschlossen. Sogar Veranstaltungen mit bis zu 50 Menschen sind weiter erlaubt. Die schwedische Regierung vertraut auf diese von Staatsepidemiologe Anders Tegnell entworfene Strategie. "Wir glauben, wir erreichen mit Freiwilligkeit genauso viel wie andere Länder mit Restriktionen", sagte Tegnell zuletzt.