Schmidt: Unser Theater hat schon viele Krisen überwunden. Unsere wechselvolle Geschichte begann mit Max Reinhardt, der das Große Schauspielhaus 1919 eröffnet hat. 2019 haben wir unser 100-jähriges Bühnenjubiläum gefeiert und haben somit ab der Kaiserzeit vier Gesellschaftssysteme durchlebt, unter anderem als Theater des Volkes während der Nazizeit. 1981 musste der Vorgängerbau abgerissen werden, da sich der Bau statisch verzogen hatte. Der neue Palast wiederum steht seit 1984 als letzter Prachtbau der DDR an der Friedrichstraße. 2008 standen wir kurz vor der Insolvenz und haben 2019 gerade das erfolgreichste Jahr unserer Geschichte erlebt. Ich habe daher die große Hoffnung und bin der Überzeugung, dass wir auch diese Situation meistern werden. Aber das schaffen wir nicht allein.
Werden viele Theater gezwungen sein, für immer zu schließen? Der Intendant des Berliner Friedrichstadt-Palasts: Bernd Schmidt Patrick GutscheSchmidt: Ich hoffe natürlich für unser kulturelles Leben, dass alle Einrichtungen diese schwierige Zeit überstehen. Leider sind gerade kleinere Institutionen aufgrund fehlender Liquidität besonders akut gefährdet. Das ist gerade sehr traurig, mitanzusehen und ich hoffe, dass die Hilfen dort rechtzeitig ankommen.
Wie unterstützt der Staat die vielen Kultureinrichtungen, wie unterstützt er Sie?Schmidt: Wir gehören zu 100 Prozent dem Land Berlin. Ich bin im engen Austausch mit dem Senator für Kultur und Europa Dr. Klaus Lederer und seinem Kulturstaatssekretär Dr. Torsten Wöhlert. Man weiß um unsere auch überregionale Bedeutung, der Palast ist mit fast 550.000 Gästen die meistbesuchte Bühne Berlins und ich vertraue ihnen, dass sie alles versuchen, um uns zu helfen. Überhaupt, das möchte ich auch einmal sagen, sie leisten eine beeindruckende Arbeit in einer Situation, auf die keiner wirklich vorbereitet war. Klar ist allen: Diese Naturkatastrophe kann der Palast nicht ohne Hilfe der Politik meistern.
Wie viel Schaden richtet das Virus kulturell an?Schmidt: Eine so weitreichende Aussage zu diesem Zeitpunkt zu treffen, finde ich schwierig. Es gibt zu viele Variablen: Wie lange dauern die aktuellen politischen Maßnahmen an, wie schnell wird ein Impfstoff gefunden und wie heftig wird die unvermeidliche Rezession. Ich habe jedoch das Gefühl, dass wir alle merken, wie sehr uns die Kultur fehlt, jetzt, da sie nicht mehr selbstverständlich verfügbar ist. Wenn wir wieder in Galerien, Museen und Theater dürfen, werden wir alle Gänsehaut haben und uns über diese kleinen Wunder freuen.
Alle Vorstellungen im Friedrichstadt-Palast sind bis 19. April abgesagt. Glauben Sie, dass Sie das Theater anschließend wieder wie gewohnt öffnen können?Schmidt: Keiner kann die Entwicklung voraussagen, auch ich nicht. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass wir schon ab dem 20. April wieder spielen werden.
Wie verbringen Sie Ihre Tage? Wie sieht Ihre persönliche Isolation aus?Schmidt: Ich lese und sehe Nachrichten, verdaue sie, mache mir ein Bild und schaue mit meinem Team nach vorne. Eines ist sicher: So übel es ist, aber das Virus wird die Menschheit nicht auslöschen und auch nicht die Kultur. Insofern bin ich nicht wirklich isoliert: Ich halte Kontakt und maile, skype, zoome und telefoniere zehn bis zwölf Stunden jeden Tag. Es geht ja auch um viel für uns.