Insgesamt schätzen Experten der kanadischen Denkfabrik SecDev den Gesamtwert der besetzten ukrainischen Rohstoffvorkommen auf etwa 12 Billionen US-Dollar. Neben Eisenerzen handelt es sich vor allem um andere kritische Rohstoffe für die Metallurgie wie Steinkohle, Titan und Mangan. Aber auch Gold, Erdgas, Erdöl, Kaolin, Salz, Gips, Zirkonium und Uran sind betroffen. Das größte Eisenerzvorkommen, das Krywyj-Rih-Becken, und die Aufbereitungskombinate bleiben zwar unter der Kontrolle der Regierung in Kiew, werden jedoch aus den angrenzenden von Russland besetzten Gebieten im Südosten des Landes systematisch beschossen. Die Motivation Moskaus liegt hauptsächlich darin, das wirtschaftliche Potenzial der Ukraine zu schädigen. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Ressourcen vereinnahmt oder durch Beschuss zerstört werden, erklärt Jaroslaw Schalilo vom Nationalen Institut für strategische Studien in Kiew. Diese Situation hat dramatische Auswirkungen auf die ukrainische Stahlproduktion, da es an Ressourcen mangelt. Während die Ukraine 2021 fast 20 Millionen Tonnen metallurgische Produkte exportierte, sank diese Zahl im ersten Halbjahr 2023 auf nur noch 2,5 Millionen Tonnen - ein Rückgang von fast 80 Prozent. Große ukrainische Stahlhütten in Mariupol wurden von russischen Truppen zerstört. Die verbleibenden Stätten der Produktion kämpfen ums Überleben. Der Zugang zu Rohstoffen wird durch die russische Blockade erschwert.
Bis zu 80 Prozent der ukrainischen Kohle liegen in den von Russland besetzten Gebieten im Osten des Landes. Die energetisch wertvolle Anthrazitkohle ist zu 100 Prozent unter russischer Kontrolle und muss aus Ländern wie den USA oder Südafrika importiert werden. Diese Importe sind aufgrund der russischen Blockade ukrainischer Häfen am Schwarzen Meer besonders kostspielig. Die Rohstoffe müssen über Häfen in Nachbarländern wie Polen oder Rumänien importiert und dann auf der Schiene transportiert werden. Die ukrainische Schwerindustrie hat auch beim Export der Produktion Probleme, was die Wettbewerbsfähigkeit ukrainischer Industrieprodukte in Frage stellt. Russland versucht, die Ukraine wirtschaftlich auszutrocknen und das Land in der Propaganda als nicht überlebensfähigen "failed state" darzustellen, so der Wirtschaftsexperte Schalilo. Die Europäische Union schloss wenige Monate vor Russlands Überfall auf die Ukraine im Juli 2021 eine strategische Rohstoffpartnerschaft mit Kiew. Auf der EU-Liste der für die "grüne Transformation" benötigten kritischen Rohstoffe stehen 30 Materialien. Zwei Drittel davon sind laut Experten in der Ukraine vorhanden. Angesichts der Risiken des Klimawandels weckt der Reichtum der Ukraine jedoch auch Begehrlichkeiten in Moskau. Der Reichtum der Ukraine wird von den Russen also auch als Instrument verwendet, um die EU und die NATO herauszufordern.