Joachim Gauck: Der "Wanderprediger der Demokratie" wird 80

Seite 1 / 2

Joachim Gauck: Der "Wanderprediger der Demokratie" wird 80

Stars (1 / 1) 25.01.2021 00:33 / Simo Symbolbild imago images/CTK Photo


Die Stationen seines Lebens

Joachim Gauck war schon immer ein Mann des Wortes. Kein richtiger Politiker, dafür wirkt er zu unparteiisch und zu verbindlich. Gut, er war Bundespräsident, also im höchsten politischen Amt, das dieses Land zu vergeben hat. Und weil das Staatsoberhaupt, politisch gesehen, zu strikter, überparteilicher Neutralität verpflichtet ist, schien er als parteiloser Protagonist besonders geeignet zu sein. Der "FAZ"-Herausgeber Berthold Kohler hatte den wohl treffendsten Blick auf Joachim Gauck, der am heutigen Freitag 80 Jahre alt wird. Er sah und beschrieb ihn bei dem, "was er am liebsten und am besten tat: als Wanderprediger der Demokratie und der Freiheit durchs Land ziehen, mit einem Ruf wie Donnerhall".

Diese Stationen prägten sein Leben

Und heute, rund zwei Jahre nach dem Ende seiner Präsidentschaft im März 2017? Wer die Gegenwart des Joachim Gauck verstehen möchte, muss die drei wichtigsten Stationen seines Lebens kennen: 31 Jahre war er Evangelisch-lutherischer Pastor in der DDR. Zu Zeiten der Wende engagierte er sich als wichtiges Mitglied der Bürgerbewegung Neues Forum, das die friedliche Revolution in der DDR mit einleitete. 1990 folgte er dem Ruf als erster Bundesbeauftragter für Stasi-Unterlagen. Zehn Jahre lang prägte er diese Institution so sehr, dass manche sie Gauck-Behörde nannten. Schließlich wurde er 2012 als elfter Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland gewählt.

In allen drei Ämtern gab Gauck den freischaffenden "Demokratielehrer", wie er später einmal sagte, mit viel Pathos, auch mit rhetorischer Wärme, die in der Politik, ob in West oder Ost, seit Jahrzehnten vermisst wurde. Ein Seelsorger der Nation? Er liebte schon immer das ausdrucksstarke Wort, das auch dann noch spontan wirkte, wenn er vorher penibel daran gefeilt hatte. Schon in seinen Predigten als Rostocker Pastor wandte er sich gegen die DDR-Oberen in Staat und Partei und sprach von einem "Volk, das im Dunkeln wandelt". Auf das SED-Gebot, man solle doch auf die Errungenschaften des Sozialismus stolz sein, antwortete Gauck in einem knappen Vers: "Dummheit und Stolz wachsen auf gleichem Holz."

Ein Mann der großen Worte

Unvergessen ist auch sein Spruch vom Kirchentag 1988, den Gauck leitete. Er geißelte das staatliche Reiseverbot und rief: "Wir würden bleiben wollen, wenn wir gehen dürften." Später sagte er einmal zu diesem Thema: "Meine Heimat liebte ich seriös, meinen Westen wie eine Geliebte." Es folgte eine Phase der Ernüchterung bei ehemaligen DDR-Bürgern. Zum 10. Jahrestag des Mauerfalls sagte Gauck 1999 in einer Feierstunde des Bundestags: "Nach der Einheit waren wir wieder Lehrlinge. Viele fühlten sich fremd im eigenen Land. [...] Sie hatten vom Paradies geträumt und wachten in Nordrhein-Westfalen auf."

Als er dann in den Abendstunden Anfang 2012 für überraschend ins Kanzleramt gebeten wurde, wo Kanzlerin Angela Merkel (65) und die Spitzen von Union, SPD, FDP und Grüne ihm, dem Parteilosen, unter Lobeshymen das Amt des Bundespräsidenten antrugen, entfuhr ihm bei der Pressekonferenz: "Aber ich bin ja noch nicht mal gewaschen." Ein Satz, der selbst der nüchternen Merkel ein hilfloses Lächeln ins Gesicht zwang. Sein Sohn Christian Gauck empfand das als "peinlich", aber so "ungeschminkt, unfiltriert" sei sein Vater nun mal.

Dafür fand dieser nach seiner Vereidigung die für alle Geschmäcker passenden Worte: "Liebe Leute, Ihr wisst es doch genau: Ihr habt keinen Heilsbringer oder keinen Heiligen oder keinen Engel, Ihr habt einen Menschen aus der Mitte der Bevölkerung als Bundespräsidenten." In der gleichen Rede sagte Gauck über die Rechtsextremisten: "Euer Hass ist unser Ansporn. Wir lassen unser Land nicht im Stich. Wir schenken euch auch nicht unsere Angst. Ihr werdet Vergangenheit sein, und unsere Demokratie wird leben."