Dieter Wedel: Ein tiefer Fall

Seite 1 / 2

Dieter Wedel: Ein tiefer Fall

Stars (1 / 1) 28.12.2020 17:43 / Olga Symbolbild imago/Eibner


Der Regisseur wird 80

Wenn von Dr. Dieter Wedel die Rede ist, kommt meist mit seltsamer Zwangsläufigkeit das Attribut "groß" ins Spiel. Groß wie "Der große Bellheim", jenem vierteiligen Gassenfeger im ZDF, der 1993 den Regisseur schlagartig zur Berühmtheit machte. Seitdem sprach man stets vom "großen Wedel".

Das war zumindest bis zum Januar 2018 so. Doch dann hatte die #MeToo-Debatte auch den "großen Wedel" erfasst. Mehrere Schauspielerinnen warfen ihm sexuelle Übergriffe vor; er streitet alles ab. Am 12. November wird der Regisseur und Drehbuchautor 80 Jahre alt, eine Ausnahmeerscheinung in jeglicher Hinsicht kommt in die Jahre.

Rätsel um das Geburtsjahr

Er war schon immer ein ambivalenter Typ, das beginnt bereits mit seinem Alter. Dieter Karl Cäsar Wedel, wie ihn seine Eltern - ein Frankfurter Lederfabrikant und eine Konzertpianistin - getauft haben, gab als Geburtsjahr stets 1942 an. Demnach wäre er 1946 als Vierjähriger in Bad Nauheim (Hessen) eingeschult worden. 2010 sagte Wedel, dass er sich 1968 drei Jahre älter gemacht habe, um seinen ersten Regieauftrag "Gedenktag" zu bekommen. Die Produzenten hätten niemals einem 26-Jährigen das Projekt über den Ostberliner Aufstand vom 17. Juni 1953 anvertraut.

Na ja. Bereits 1965 hatte Wedel in einem von ihm verfassten Lebenslauf im Anhang zu seiner Doktorarbeit an der Philosophischen Fakultät der Freien Universität Berlin (Thema: "Das Frankfurter Schauspielhaus in den Jahren 1912 bis 1929") angegeben, dass er am 12. November 1939 in Frankfurt am Main geboren wurde. Dabei soll es auch bleiben.

Beeindruckendes Lebenswerk

Wegen seiner Promotion zum Dr. phil. wurde der einstige Musterschüler Dieter Wedel am Set respektvoll "der Doktor" genannt. Sein Lebenswerk ist und bleibt beeindruckend: Wedels TV-Mehrteiler erregten großes Aufsehen: "Einmal im Leben - Geschichte eines Eigenheims" (1972), "Alle Jahre wieder - Die Familie Semmeling" (1976), verschiedene "Schwarz-Rot-Gold"-Filme, "Der große Bellheim" (1993), "Der Schattenmann" (1996), "Der König von St. Pauli" (1998), "Die Affäre Semmeling" (2002), "Papa und Mama" (2006), "Gier" (2010): Außerdem arbeitete er als Theaterregisseur in Hamburg sowie bei den Bad Hersfelder Festspielen und initiierte die "Nibelungenfestspiele" in Worms.

Bei allen Lobeshymnen auf den Autor und TV-Regisseur wurden auch immer wieder Vorwürfe laut, Wedel habe sich bei US-Kollegen wie Francis Ford Coppola, Oliver Stone und Woody Allen bedient. Die "Süddeutsche Zeitung" fand Teile aus "Jenseits von Afrika" in Wedels Scheidungsdrama "Papa und Mama" wieder. Wedel fand das alles "übertrieben", was Harald Schmidt zur Persiflage "Hollywood klaut bei Wedel" animierte.

Ruf als Tyrann

So penibel "der Doktor" an seiner Karriere als brillanter Fernsehschaffender gearbeitet hat, so konsequent wurde er auch seinem Ruf als Tyrann am Set gerecht. Immer wieder beklagten Schauspieler und andere Mitarbeiter Wedels Launen und seinen schroffen Ton. Dabei nahm er auch auf große Namen keine Rücksicht. Der renommierte Wiener Schauspieler Paulus Manker sagte einmal, Wedel herrsche "wie ein nordkoreanischer Diktator."

Auch mit Mario Adorf lag Wedel im Clinch: Der große Star hatte ihm beim "großen Bellheim" und "Schattenmann" hohe Zuschauerquoten garantiert und mit ihm auch die "Nibelungenfestspiele" in Worms gegründet. Dabei kam es zum Zerwürfnis. Adorf soll sich über Wedels Bühnentechnik aufgeregt haben. Die "Süddeutsche Zeitung" beschreibt den legendären Streitdialog wie folgt. Adorf: "Hatten die Leute heute Abend nicht ein Anrecht auf korrektes Licht?" Und weiter, jetzt schon brüllend: "Scheiß doch auf das Fernsehen!" Wedel: "Weißt du was, Mario, leck mich am Arsch!" Daraufhin Adorf: "Weißt du, was du bist? Ein kleiner Fernseharsch! Nichts als ein kleiner Fernseharsch!"

Dieter Wedel und die Frauen

Ebenso markant ist Wedels Verhältnis zum weiblichen Geschlecht. Er hat sechs Kinder von sechs verschiedenen Frauen. Meist waren es junge Frauen vom Set, Schauspielerinnen, Assistentinnen, die Wedels berühmten gletscherblauen Augen nicht widerstehen konnten. Manchmal habe er "zwei, drei und manchmal auch vier Freundinnen gleichzeitig gehabt", schreibt er in seiner Autobiografie. "Ließ mich eine fallen, waren immer noch genug da, um mich aufzufangen."

Der Doktor liebte Frauen wie Hannelore Elsner, Theaterstar Sylvia Manias, Ingrid Steeger und Julia Stemberger. Jahrelang lebte Wedel gleichzeitig mit zwei Frauen: in Hamburg mit "Hauptfrau" Uschi Wolters (68), einer Lehrerin und Produzentin, auf Mallorca mit der Schauspielerin und Tänzerin Dominique Voland (42), mit der er auch einen Sohn hat.