Zuvor hatte Putin in seiner Ansprache seine Behauptung von einem angeblichen "Völkermord" der ukrainischen Truppen an der russischsprachigen Bevölkerung im Osten des Landes wiederholt und auf das Hilfeersuchen der Separatisten in der Ost-Ukraine vom Mittwochabend an den Kreml verwiesen. "Wir werden uns bemühen, eine Entmilitarisierung und Entnazifizierung der Ukraine zu erreichen", sagte Putin und kündigte an, "diejenigen vor Gericht zu bringen, die zahlreiche Verbrechen begangen haben, die für das Blutvergießen von Zivilisten, darunter auch russischen Bürgern, verantwortlich sind". Kiew und seine westlichen Partner haben den Vorwurf des "Genozids" wiederholt als absurd zurückgewiesen und als einen Vorwand für einen Angriff auf die Ukraine gebrandmarkt.
"Wir haben keine Pläne für eine Besetzung ukrainischen Territoriums, wir haben nicht vor, jemandem etwas mit Gewalt aufzuzwingen", sagte Putin weiter. Das ukrainische Militär rief er auf, "die Waffen niederzulegen." Er versicherte, dass sie dann "ungehindert das Schlachtfeld verlassen" könnten.
Während Putin sprach, tagte in New York der UN-Sicherheitsrat bei einer Dringlichkeitssitzung zur Ukraine-Krise. UN-Generalsekretär António Guterres hatte Putin zuvor aufgefordert, die Ukraine nicht anzugreifen. "Präsident Putin, stoppen Sie Ihre Truppen." Er hob hervor: "Geben Sie dem Frieden eine Chance, zu viele Menschen sind bereits gestorben."
Die US-Regierung kritisierte Putin scharf. Dieser habe sich "für einen vorsätzlichen Krieg entschieden, der zu einem katastrophalen Verlust an Leben und zu menschlichem Leid führen wird", erklärte US-Präsident Joe Biden. Die USA und ihre Verbündeten und Partner würden "geeint und entschlossen handeln", versprach er. "Die Welt wird Russland zur Verantwortung ziehen." Das Weiße Haus kündigte ein Telefonat zwischen Biden und seinem ukrainischen Kollegen Selenskyj an.
Auch Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) verurteilte den russischen Angriff "auf das Schärfste". Dies sei sei "ein eklatanter Bruch des Völkerrechts" und "durch nichts zu rechtfertigen ist", erklärte er. "Russland muss diese Militäraktion sofort einstellen", forderte der Kanzler und kündigte für Donnerstag eine enge Abstimmung innerhalb der G7, der Nato und der EU an. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg sprach von einem "rücksichtslosen und unprovozierten Angriff" Russlands.
Die Ukraine hatte bereits kurz nach Mitternacht (Ortszeit) "wegen des hohen Sicherheitsrisikos" ihren Luftraum geschlossen. Russischen Medienberichte zufolge wurden am Donnerstag Flüge von den Flughäfen der großen Städte im Süden Russlands gestrichen, die in der Nähe der Ukraine liegen.
Die Nachricht von den Kämpfen sorgte auch für Turbulenzen an den Märkten. Der Ölpreis stieg erstmals seit mehr als sieben Jahren wieder auf einen Preis von mehr als 100 Dollar (89 Euro). Die Aktienkurse in Hongkong sackten ab. Die Börse in Moskau setzte den Handel aus.