Wolfgang Schäuble (77) ist querschnittsgelähmt. Am 12. Oktober 1990 hatte ein Attentäter bei einer Wahlkampfveranstaltung in Oppenau mit einem Revolver auf den damaligen Bundesinnenminister, einem der Architekten der deutschen Wiedervereinigung, geschossen. Trotz seiner massiven Behinderung hat Schäuble eine große politische Karriere gemacht. Er war CDU-Vorsitzender und im Kabinett von Bundeskanzlerin Angela Merkel (65) Innen- sowie Finanzminister. Seit 2017 ist er Präsident des Deutschen Bundestages.
In einer Diskussionsrunde mit dem ebenfalls behinderten Schauspieler und Theaterautor Peter Radtke (76) für das "Süddeutsche Zeitung Magazin" spricht Schäuble über sein öffentliches und privates Leben im Rollstuhl.
"Ich will keinen Rabatt""Für einen Querschnittsgelähmten, der nun 29 Jahre im Rollstuhl sitzt, bin ich ziemlich gut. Die Orthopäden sind zufrieden. Ich sitze immer noch relativ aufrecht, obwohl das sehr anstrengend ist. Ich bin ja ab TH3 gelähmt, also ab Brusthöhe. Ich habe auch immer Physiotherapie gemacht. Aber eigentlich ist das Ziel der Rehabilitation, dass der Rollstuhl als ein Bestandteil des Körpers empfunden wird. Diese Selbstverständlichkeit habe ich nicht", erklärt der Politiker.
Kurz nach dem Attentat soll Wolfgang Schäuble seine damals 19-jährige Tochter Christine gefragt haben, warum man ihn nicht sterben lasse. "Meine Tochter war dabei, als auf mich geschossen wurde, sie blieb im Krankenhaus während der ganzen fünf Tage, in denen ich im Koma lag. Weil sie gesagt hat: 'Ich muss beim Papa bleiben, wenn er aufwacht, weiß er ja nicht, wieso er da liegt.' Und als ich dann die Augen aufgemacht habe - irgendwie wusste ich, was los ist - habe ich gesagt: 'Ich weiß gar nicht, ob ich ... ob ich so will.' Man muss das nicht alles so ernst nehmen."
Ein Pfleger habe ihm mal von den ersten Tagen auf der Intensivstation berichtet, "dass ich nachts immer furchtbar geschimpft hätte. Wenn du nachts daliegst, dir die Einschränkung bewusst wird, da kannst du schon mal wütend werden. Aber auch das wird besser."
Trotz des traumatischen Erlebnisses habe er auch gute Erfahrungen gemacht. "Als ich ein paar Tage nach der Wiedervereinigung verletzt wurde und nach einigen Wochen wieder nach Bonn kam, ging es mir nicht so furchtbar toll. Aber die Kollegen, auch die Journalisten, haben im Wesentlichen große Rücksicht genommen. Das gehört zu den erfreulichen Erfahrungen in meinem Leben. Obwohl ich auch gesagt habe: Ich will keinen Rabatt."
"Am meisten Probleme hatte unser Hund"Das "Politikersein" habe ihm geholfen, alles zu bewältigen, obwohl seine Frau Ingeborg (75) sich einen Rückzug aus der Politik gewünscht hätte. Schäuble im "SZ-Magazin": "Ich habe sie damals gefragt: 'Willst du wirklich, dass ich dann ohne alles bin?'"