Tsokos: Auf jeden Fall. Es ist ein Nischenwissen, was man nicht wirklich aus Büchern lernen kann, sondern das sich durch jahrzehntelange Erfahrung entwickelt hat.
Welchen besonders emotionalen Fall aus Ihrer Karriere werden Sie für immer in Erinnerung behalten?Tsokos: Es ist der Fall von Serienmörder Silvio S., der einen sechsjährigen und einen vierjährigen Jungen in Brandenburg und Berlin entführt und getötet hat. Den Sechsjährigen habe ich mit eigenen Händen in der Gartenanlage des Mannes ausgegraben. Er hatte die Leiche in einem Karton unter dem Teich versteckt. Im Gericht saß ich als Sachverständiger, hinter mir die Eltern als Nebenkläger, die verstehen wollen, warum ihr Kind mitgegangen ist, und mir gegenüber der Angeklagte, der kein Wort sagt. Das war schon sehr emotional.
Wie finden Sie Abstand zu Ihrer Arbeit?Tsokos: Das gelingt mir gut - und dazu brauche ich keine Beruhigungstabletten oder psychiatrische Behandlungen. Man muss zwar empathisch sein, aber man darf es nicht an sich heranlassen. Ich weiß, dass das tragische Fälle sind und die Familien damit gezeichnet sind, aber ich kann das so verarbeiten, dass ich das nicht in mein Leben lasse und darunter leide.
Was hat Sie dazu bewegt, Ihre Erfahrungen als Rechtsmediziner in Büchern zu erzählen?Tsokos: Ich habe mit Sachbüchern angefangen und mit einem Autor zusammengearbeitet, dem ich auch Fälle aus meinem Alltag erzählt habe. Er meinte sofort, dass ich sie aufschreiben sollte, da sich kein Autor das besser ausdenken könnte. Dann habe ich 2010 Sebastian Fitzek kennengelernt und mit ihm zusammen "Abgeschnitten" veröffentlicht. Belletristik macht einfach sehr viel Spaß, man ist künstlerisch freier und kann anders als in Sachbüchern Emotionen und Spannung mit einbringen.
Sie haben in einem früheren Interview mit spot on news verraten, dass Sie in Ihren Büchern Details aus Ihrer Arbeit als Rechtsmediziner weglassen, weil es zu harte Kost für die Leser wäre. Wie werden die realen Fälle dann zu einer Geschichte?Tsokos: Ich bin durch meinen Alltag harte Kost gewohnt. Wenn ich die Fälle für das Buch abmildere, hole ich mir deshalb von außen ein Urteil als Regulativ ab. Ich gebe oft meiner Frau etwas zu lesen und sie muss entscheiden, ob etwas zu drastisch ist. Auch die Bilder der echten Fälle, die ich für meine Lesungen verwende, guckt sie sich vorher an.
Sie haben mit "Zerrissen" bereits die Rückkehr von Dr. Fred Abel für 2020 angekündigt. Worauf können sich die Leser freuen?Tsokos: Das Buch spielt wieder in Berlin und es geht unter anderem um Clan-Kriminalität, behandelt aber auch das Thema Kindesmisshandlung. Fred Abel ist in dem Fall erneut persönlich involviert, da ein Verwandter seiner Mitarbeiterin darin verwickelt ist.
Gibt es in Ihrem Beruf noch Ziele, die Sie erreichen wollen?Tsokos: Als Rechtsmediziner habe ich als Leiter der beiden Institute in Berlin alles erreicht, was ich erreichen kann. Aber als Autor möchte ich natürlich gerne einmal auf Platz 1 der Bestsellerliste landen. Den zweiten Platz habe ich schon geschafft, von daher ist das Ziel nicht so unrealistisch (lacht).